The Murder Capital – Blindness

The Murder Capital
(c) Hugo Comte

Es musste sich etwas ändern, das war The Murder Capital klar. Ihr erstes Album war ein wütender Aufgalopp, dessen Tour von einer globalen Pandemie beschnitten wurde. Für den Nachfolger schloss man sich neun Monate in einem Landhaus in Wexford ein, drehte nach eigenen Angaben letztlich durch, erspielte sich jedoch starke Festival-Slots und Support-Gigs, unter anderem für Pearl Jam und Nick Cave. Und doch wollte man von dem zuletzt überfrachteten Songwriting wegkommen, reduzierte die Musik auf das Unmittelbare und verzichtete auf komplexes, ausformuliertes Demoing. Zwölf Songs waren in zehn Tagen entstanden, die Aufnahmen in Los Angeles schafften einen sehr willkommenen Perspektivenwechsel, bei der Anreise war man noch fast zerbrochen gewesen. Und doch entpuppt sich „Blindness“ als Triumphzug von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Drei außerordentliche Songs zu Beginn machen klar, dass die Iren falsche Zurückhaltung aufgegeben haben. „Moonshot“ eröffnet mit lauten, erdrückenden Noise-Salven, die dem nervösen Post Punk eine verdammt drastische, explosive Schlagseite verleihen. Danach befasst sich „Words Lost Meaning“ mit dem Bedeutungsverlust eines zu oft und zu beiläufig gesagten ‚I love you‘, brodelnd, trocken und doch so herzhaft serviert, ein Klammern an den Strohhalm, der sich letztlich als Wendepunkt entpuppt. Schließlich entwickelt sich „Can’t Pretend To Know“ zur schroffen, dissonanten und doch so mitreißenden Hymne, ein konstanter Unruheherd, der dennoch nicht mehr aus dem Ohr gehen will.

„Blindness“ ist bis obenhin voll mit diesen Perlen, wobei zwei Songs besonders aus dem Rahmen fallen. „Death Of A Giant“ wurde unter dem Eindruck des viel zu frühen Todes von Shane MacGowan geschrieben, dessen Trauerzug die Band während ihrer Songwriting-Session aus nächster Nähe erlebte. In unter zweieinhalb Minuten rattert ein störrisches, lebhaftes musikalisches Denkmal durch. „Love Of Country“ hingegen nimmt mehr als sechs Minuten in Anspruch und wird zum ellenlangen Gedankenstrom über Patriotismus, Fremdenfeindlichkeit und beklemmende gesellschaftliche Entwicklungen. In reduzierter Entschleunigung blüht dieser Gigant auf. Auch „Trailing A Wing“ zeigt The Murder Capital von einer ruhigen, romantischen Seite, die sich mit Liebe, Glaube und Treue intensiv auseinandersetzt.

Mit dieser Konzentration auf das Songwriting an sich und der Offenlegung der musikalischen DNA tun sich The Murder Capital einigen gewaltigen Gefallen – nicht etwa, weil die bisherigen Platten auch nur in irgendeiner Form schlecht gewesen wären, sondern weil sie nun ein neues Level erreichen. Mit frischer Unmittelbarkeit, rasiermesserscharfem Post Punk, großen Rock-Gesten und mutigen, gerne mal unerwarteten Experimenten realisiert „Blindness“ endlich das Versprechen der beiden Vorgänger auf ganzer Linie und ist das große, mächtige Album, das man sich von diesem Quintett erhofft hatte. Der Sprung in eine Liga mit Fontaines D.C. und Konsorten ist zum Greifen nah – ein ganz heißer Kandidat für die Toplisten am Jahresende, schon jetzt.

Wertung: 4,5/5

Erhältlich ab: 21.02.2025
Erhältlich über: Human Season Records / ADA (Warner Music)

Website: themurdercapital.com
Facebook: www.facebook.com/MurdrCapitalBand