Tocotronic – Tocotronic (Das rote Album)
Der Paradigmenwechsel im Hause Tocotronic deutete sich bereits vor zwei Jahren an, als auf die „Berlin“-Trilogie das zwischen Dream-Pop, Psychedelic und Shoegaze pendelnde „Wie wir leben wollen“ die Fühler der deutschen Indie Rock-Institution nachjustierte. Dennoch überrascht das neue, eponyme Werk – kurzerhand mit dem Untertitel „Das rote Album“ versehen – durchaus. Es ist dies die Pop-Platte des Quartetts mit gelegentlichen Ausflügen gen New Order und Depeche Mode.
Nicht nur, dass sich musikalisch einiges in unerwarteten Gefilden bewegt, es handelt es beim roten Album obendrein noch über ein Konzeptwerk mit den Eckpfeilern Liebe und Erinnerung zwischen Coming of Age und erwachsenem Wahnsinn. Einem Theaterstück gleich, setzen Tocotronic ihrem neuen Werk einen „Prolog“ voran, der in vier hibbeligen Minuten zwischen getriebenem 80s-Goth-Pop und Post Punk auf die nun folgenden knapp 50 Minuten vorbereitet. „Ich öffne mich“ setzt auf Gitarren, die, zwar keineswegs gänzlich in den Hintergrund gedrängt, wohl aber im Vergleich zu den letzten Platten eine deutlich untergeordnetere Rolle spielen. Schwelgerisch, süßlich und spannungsgeladen baut sich dieses kleine Monster auf, ist mit seinen feinsinnigen Keyboard-Untertönen ein potentieller Hit.
Wirklich rockig oder gar flott wird es nur selten. „Sie irren“ ist die Post-Punk-Version von „Ich öffne mich“, handelt das Geschehen in äußerst packenden zwei Minuten mit herrlichen Ecken und Kanten ab. „Jungfernfahrt“ hingegen hätte mit seinen Shoegaze-Elementen durchaus auch auf „Wie wir leben wollen“ funktioniert, unterhält mit ausladender Atemlosigkeit und Breitwand-Chorus. Letztlich ist es aber eben doch die Pop-Platte Tocotronics; ein Phänomen, das sich beispielsweise im gewöhnungsbedürftig kitschigen Refrain von „Die Erwachsenen“, dem verschmitzten „Zucker“ oder „Rebel Boy“, der neuesten Tocotronic-Hymne, äußert.
Letztlich bietet dieses rot getünchte Werk eine Mischung aus vertrauten Toco-Qualitäten und Kulturschock. Das Bekenntnis zu Konzeptkunst mit Populärmusik stellt vor gewisse Herausforderungen, die auf keinen Fall geleugnet werden sollen. Nur langsam, schwerlich arbeitet man sich voran, erkennt nach und nach die Qualitäten eines aufregenden Albums, dessen Perlen sich über Umwege von Säuen distanzieren und so manche Schwachstelle gen Mitte des Longplayers zu kaschieren vermögen. Mit neuer Leichtigkeit und bleierner Schwere vollenden Tocotronic den auf „Wie wir leben wollen“ angedeuteten Schritt und brechen endgültig zu neuen Pop-Ufern auf – eine gewöhnungsbedürftige Entwicklung mit viel Potential.
Tocotronic (Das rote Album)
VÖ: 01.05.2015
Vertigo Berlin (Universal Music)
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